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Ökotheologie

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Statuae des hl. Franziskus im Santuario di Banchette, nahe Bioglio

Die Ökotheologie (auch ökologische Theologie) bezeichnet eine Richtung in der Theologie aller Konfessionen, die sich mit dem Verhältnis Gottes zur Natur und den in ihr lebenden Menschen befasst. Sie entstand in den 1980er Jahren.

Impulse aus Tradition und Philosophie

Als Ahnherr und Vorläufer der Ökotheologie kann der Heilige Franziskus von Assisi gesehen werden. Der Befreiungstheologe Leonardo Boff wertete Franziskus als „westlichen Archetyp des ökologischen Menschen“, in dem sich die „Summe aller ökologischen Kardinaltugenden“ verwirkliche. 1979 wurde Franziskus daher von Papst Johannes Paul II. zum Patron des Umweltschutzes und der Ökologie ernannt. In der Proklamationsurkunde Inter Sanctos verwies er auf die große Wertschätzung, die Franziskus der belebten und unbelebten Natur entgegengebracht und aus der heraus er Mond und Gestirne, Feuer, Wasser, Luft und Erde als „Geschwister“ wahrgenommen habe. Papst Franziskus wählte die Anfangsworte des Sonnengesangs von Franziskus von Assisi 2015 zum Incipit seiner Enzyklika Laudato si’.

Die philosophischen Impulse kamen zunächst aus der Ethik und Kosmologie. So publizierte der deutsche Schriftsteller Carl Amery (1922–2005) im Jahr 1972 ein Buch mit dem Titel „Das Ende der Vorsehung“, in dem er dem Christentum vorwarf, den „Herrschaftsauftrag“ in Gen. 1,28 („Macht euch die Erde untertan“) missverstanden zu haben, indem es die Erde hemmungslos ausbeute. Damit griff er auf eine These (Vortrag 1966) des US-amerikanischen Historikers Lynn White zurück.[1] Im Jahr 1979 erschien das Hauptwerk von Hans JonasDas Prinzip Verantwortung“, das den „ökologischen Imperativ“ formulierte: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Auch der britische Philosoph Alfred Whitehead (Wie entsteht Religion?, 1926) rückte bereits die Natur an den evolutionären Prozess Gottes heran und schuf eine Basis für die Prozesstheologie.

Theologische Positionen

Die katholische Theologie reagierte erst später auf das erwachende ökologische Bewusstsein. Im II. Vatikanum wurde die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ verabschiedet, die vom Fortschrittsoptimismus und von der Technikgläubigkeit der Zeit gekennzeichnet ist. Die kosmologische Sicht des Teilhard de Chardin (1881–1955) trug diesen Geist bis in die 1980er Jahre. Nun wurde ökologisches Denken überall gefordert. Der Moraltheologe Alfons Auer (1915–2005) hat seine „Umweltethik“ (1984, 1989 in 3. Auflage) publiziert. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann (* 1926) hat seine „Ökologische Schöpfungslehre“ in der gleichen Zeit verfasst.

In den USA nahm der Methodist John B. Cobb die Anregungen Whiteheads mit einer eigenen theologischen Schule im kalifornischen Claremont auf und schlug eine Brücke zur christlichen Lehre. Doch haben neue Ansätze der Schöpfungstheologie ihren Ausgang stark vom Geschlechterverhältnis genommen. Ökofeministische Konzepte setzten der Herrschaft des Mannes über die Natur das weibliche Verhältnis zur Natur entgegen.[2] Rosemary Radford Ruether trat hier als Vordenkerin auf. Die Erde wird von Elisabet Sahtouris nahezu mythisch als „Gaia“ verstanden, für die jeder Anthropozentrismus unangemessen ist.[3] Im deutschsprachigen Raum wurde dies kaum aufgegriffen. Im Studium der „Schöpfungstheologie“ werden eher die klassischen Herausforderungen durch den Naturalismus („mind‐brain‐Debatte“), die Fragen der Evolutionstheorie („Intelligent Design“), das Verhältnis von Freiheit und Sünde oder die „Rechtfertigung“ Gottes angesichts des Leidens („Theodizee“) behandelt.

Papst Benedikt XVI. selbst hat 2011 zwei Fragen als tragend hervorgehoben: Welche Natur umgibt uns und wie wie leben wir in ihr? Zweitens: Was ist der Mensch im Kosmos, was ist seine Bestimmung? Damit hat er eine weitere Befassung angeregt.

„Die Bedeutung der Ökologie ist inzwischen unbestritten. Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. Ich möchte aber nachdrücklich einen Punkt noch ansprechen, der nach wie vor weitgehend ausgeklammert wird: Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muß und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“[4]

Die irische katholische Theologin Anne Primavesi[5] (Birkbeck College an der University of London) hat 2003 einen Artikel „Ökologische Theologie[6] (2003) verfasst. Ausgangspunkt jeder ökologischen Theologie sei eine globale Perspektive: eine Sicht auf die Erde, die diese als ein globales Öko‐System begreift. Es sei die Aufgabe,„den Kontext unserer Aussagen über Gott dahingehend zu erweitern, dass er neben den menschlich‐göttlichen Beziehungen [...] auch der planetarischen Geschichte Rechnung trägt“. Für die ökologische Theologie ist diese Relativierung kennzeichnend. Der traditionelle Anthropozentrismus sei am Ende.

Im Frühjahr 2008 wurde ein „Institut für Theologische Zoologie“ durch Rainer Hagencord und den Schweizer Kapuziner Anton Rotzetter (1939–2016) gegründet. Das Institut gehört seit 2009 der Philosophisch‐Theologischen Hochschule an der Universität Münster an.

Ansatzpunkte für eine Ökotheologie außerhalb des Christentums gibt es bei den jüdischen Denkern Martin Buber (1878–1965, Chassidismus: „Man kann zu Gott nicht anders kommen als durch die Natur.“), der in Deutschland viel rezipiert worden ist, und Abraham Joshua Heschel (1907–1972, „Wer einer Kreatur hilft, hilft Gott.“) sowie beim islamischen, iranischen Philosophen Hossein Nasr, der in den USA lehrt. Für Indien könnte, wenn auch ohne direkten theologischen Bezug, sondern wegen eines spirituellen Verhältnisses zur Natur Vandana Shiva genannt werden.

Literatur

Weblinks

Einzelbelege

  1. Hans Jürgen Münk: Umweltkrise - Folge und Erbe des Christentums? Historisch-systematische Überlegungen zu einer umstrittenen These im Vorfeld ökologischer Ethik. In: Jahrbuch der Christlichen Sozialwissenschaften. Band 28, 1987, S. 133–206 (uni-muenster.de).
  2. Anne Herion: Ökofeminismus. Interkulturell-theologische Perspektiven. Hrsg.: JGU Mainz. Mainz 2017 (uni-mainz.de [PDF]).
  3. Anne Herion: Ökofeminismus. In: MaTheoZ. Mainz 2018, S. 6–20 (uni-mainz.de [PDF]).
  4. Deutscher Bundestag - Rede Papst Benedikts XVI. im Deutschen Bundestag am 22. September... Abgerufen am 23. November 2020.
  5. Anne Primavesi: From Apocalypse to Genesis: Ecology, Feminism and Christianity , Fortress 1991; (deutsch) Wir sind nicht die Herren der Schöpfung. Ein ökologisches Denkmodell, 1998 ISBN 978-3782006743
  6. Anne Primavesi: Ökologische Theologie. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. 2003, ISBN 978-90-04-14666-2, doi:10.1163/1877-5888_rpp_SIM_124170 (brillonline.com [abgerufen am 23. November 2020]).
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